Leseprobe


Drachenzähmen_Film

 

Kapitel 1: Zuerst fängt jeder seinen Drachen

Vor langer Zeit auf der wilden und stürmischen Insel Wattnbengel stand ein kleiner Wikinger mit einem unglaublich langen Namen bis zu den Knöcheln im Schnee. Hicks der Hartnäckige vom Hauenstein der Dritte, die Hoffnung und der Erbe des Stammes der Räuberischen Raufbolde, hatte sich, schon seit er am Morgen aufgewacht war, nicht besonders gut gefühlt.

Zehn Jungen, einschließlich Hicks, hofften vollwertige Mitglieder des Stammes zu werden, indem sie die Reifeprüfung zum »Drachenmeister« ablegten. Sie standen auf einem öden, kleinen Strand an der ödesten Stelle der ganzen öden Insel.
Und es fiel dichter Schnee.

»AUFGEPASST!«, schrie Grobian der Rülpser, der für die Reifeprüfung verantwortliche Krieger. »Dies wird eure erste militärische Operation sein und Hicks wird die Mannschaft anführen.«

»Oh nein, nicht Hicks«, stöhnten Stinker der Dussel und die meisten der anderen Jungen. »Ihr könnt Hicks nicht die Leitung übertragen, Kommandant, er ist total NUTZLOS!«

Hicks der Hartnäckige vom Hauenstein der Dritte, Hoffnung und Erbe des Stammes der Räuberischen Raufbolde, wischte sich kläglich mit dem Ärmel über die Nase. Er sank ein wenig tiefer in den Schnee.

»JEDER wäre besser als Hicks«, höhnte Rotznase Rotzgesicht großspurig. »Sogar Fischbein wäre besser als Hicks.«

Fischbein hatte einen Sehfehler, der ihn so blind machte wie eine Qualle, und außerdem war er allergisch gegen Reptilien.

»RUHE!«, röhrte Grobian der Rülpser. »Der Nächste, der noch einen Ton sagt, bekommt drei Wochen Napfschnecken vorgesetzt.«

Sofort herrschte absolute Stille. Napfschnecken schmecken schlimmer als Würmer und Rotz zusammen.

»Hicks führt euch an, und das ist ein Befehl!«, donnerte Grobian in seiner üblichen Lautstärke. Er war ein zwei Meter großer Riese mit einem verrückten Funkeln in seinem einzigen guten Auge und einem Bart, der aussah wie ein explodierendes Feuerwerk. Trotz der bitteren Kälte trug er Pelzshorts und eine winzig kleine Weste aus Wildleder, die seine krebsrote Haut und seine starken Muskeln zeigte. In einer seiner Pranken hielt er eine Fackel.

»Hicks wird euer Anführer sein, obwohl er zugegebenermaßen völlig nutzlos ist, aber Hicks ist der Sohn des HÄUPTLINGS und so ist es eben bei uns Wikingern. Was glaubt ihr denn, wo ihr seid, in der RÖMISCHEN REPUBLIK? Aber egal, das ist heute noch euer kleinstes Problem. Ihr seid hier, um euch als heldenhafte Wikinger zu beweisen. Und es ist eine überlieferte Tradition des Stammes der Raufbolde, dass ihr« – Grobian machte eine dramatische Pause – »ZUERST EUREN DRACHEN FANGT!«

Ohhh, sabbernder Seetang!, dachte Hicks.

»Unsere Drachen sind das, was uns auszeichnet!« bellte Grobian. »Normale Menschen richten Falken für die Jagd ab oder Pferde zum Reiten. Nur die HELDENHAFTEN WIKINGER wagen es, die wildesten und gefährlichsten Wesen auf Erden zu zähmen.«

Grobian spuckte bedeutungsvoll in den Schnee. »Die Reifeprüfung ›Drachenmeister‹ besteht aus drei Teilen. Der erste und gefährlichste Teil ist eine Prüfung eures Mutes und eurer Geschicklichkeit beim Stehlen. Wenn ihr richtige Mitglieder des Stammes der Räuberischen Raufbolde sein wollt, dann müsst ihr zuerst euren Drachen fangen. Und das ist der Grund«, fuhr Grobian in voller Lautstärke fort, »weshalb ich euch zu diesem idyllischen Plätzchen gebracht habe. Seht euch jetzt das Kliff der Wilden Drachen an!«

Die zehn Jungen legten die Köpfe in den Nacken. Das Kliff ragte in Schwindel erregender Höhe über ihnen auf, dunkel und unheimlich. Im Sommer konnte man das Kliff selbst kaum sehen, weil Drachen aller Größen und Arten es belagerten, nacheinander schnappten oder bissen und einen solchen Lärm veranstalteten, dass er auf der ganzen Insel zu hören war.